Die Zahl der Senioren im Straßenverkehr wird auch deshalb sprunghaft steigen, weil es immer mehr ältere weibliche Verkehrsteilnehmer geben wird, da immer mehr Frauen einen Führerschein machen und heute mit den Männern gleichgezogen haben. Das war nicht immer so. Denn von den heute über 60jährigen Frauen besitzen nur 40 Prozent einen Führerschein, während gleichaltrige Männer auf 80 Prozent kommen. Eine Shell-Studie aus dem Jahr 2001 rechnet mit einem Bestandszuwachs von 8,5 Millionen auf 52,3 Millionen Fahrzeuge bis 2020. Daran werden die Senioren einen großen Anteil haben. Die Gruppe der über 60jährigen Frauen und Männer mit eigenem Auto wächst bis 2020 um 6,8 auf 15,2 Millionen Menschen. Im Vergleich zum Jahr 2000 entspricht das einem Anstieg von gut 80 Prozent.
Auf uns wartet also das Jahrhundert der Senioren. Aber ab wann ist man eigentlich wirklich alt? Der demographische Wandel hat die Altersgrenze verschoben: Alt ist man erst mit 76 Jahren. Das geht aus einer Repräsentativbefragung des Trendforschers Horst Opaschowski hervor. Die offizielle Altersgrenze von 65 Jahren steht also nur noch auf dem Papier. Wenn die Lebenserwartung weiter so kontinuierlich ansteigt, gilt man im Jahr 2030 vielleicht erst mit 86 Jahren als alt und alle die jünger sind, fühle sich entsprechend fit und fahrtüchtig. Tatsächlich bleiben die Senioren durch den medizinischen Fortschritt länger fitter. In 20 Jahren haben wir es mit sportlichen 80jährigen zu tun, die sich fühlen wie die heutige Generation der 65jährigen. Dennoch birgt der Straßenverkehr für und mit Senioren schon für die Gruppe 50+ deutlich höhere Gefahren als für die dynamischen Mittdreißiger, da einfach die körperliche Leistungsfähigkeit abnimmt - ob wir das wahrhaben wollen oder nicht. Das schlägt sich auch in der Unfallstatistik nieder. Die über 70jährigen haben statistisch gesehen ein doppelt so hohes Unfallrisiko, ab 75 sogar ein dreimal so hohes Risiko wie der Durchschnitt aller Verkehrsteilnehmer. Doch damit sind die Senioren allemal sicherer unterwegs als der männlich Fahrer unter 25 Jahren: Sein Risiko in einen Unfall verwickelt zu werden ist fünfmal höher als das eines 70jährigen und ebenso hoch wie das der über 80jährigen Motorradfahrer (!), die es offensichtlich bereits heute zu geben scheint und deren Anteil künftig ebenfalls steigen wird.
Aber während Unfälle in jungen Jahren oft noch glimpflich verlaufen, sind die Folgen für die Altersgruppe 70+ meist tödlich. Um den Verkehr für die älteren Teilnehmer sicherer zu machen, betriebt die Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST) Ursachenforschung: Worin liegen die Fehler der Senioren im Straßenverkehr? Hilfsmittel sind die Unfallprotokolle der Polizei, auf der bis zu drei Fehlverhalten pro Beteiligtem angegeben werden können. Vorfahrtsverletzungen und Abbiegefehler stehen dort ganz oben als Unfallursache bei den Senioren. Dr. Martina Albrecht von der BAST sieht bei Senioren demgegenüber aber ein höheres Problembewusstsein als bei jüngeren Verkehrsteilnehmern: "Geschwindigkeitsüberschreitungen sind für Senioren weniger der Grund für Unfälle, sie fahren seltener und vorsichtiger Auto, aber wenn sie unterwegs sind, dann ist das Unfallrisiko hoch." Mangelnde Übung könnte eine Ursache für ein erhöhtes Unfallrisiko sein, Defizite in der getrübten Wahrnehmung des Umfelds will Dr. Albrecht nicht pauschal als Unfallursache der älteren Generation akzeptieren: "In diesem Punkt sind die erkrankten Senioren einsichtig. Sie schränken ihre Mobilität ein, vermeiden Fahrten im Dunkeln oder meiden unbekannte Strecken."
Auch medizinische Checks, wie sie einige europäische Länder für Senioren vorsehen, sieht die Medizinerin kritisch: "Sie bringen kaum etwas, da dort fast jeder Teilnehmer die Tests besteht, weil keine umfassenden und tiefgehenden Gesundheitsprüfungen stattfinden und die Kriterien leicht zu erfüllen sind. Einen Einfluss auf die Unfallquote in den Ländern mit Untersuchungen lässt sich darüber hinaus auch nicht herstellen. Durch dieses Instrument sollte man die Mobilität der Senioren nicht beschneiden." Während der Erwerb des Führerscheins den Eintritt in das Erwachsensein symbolisiert, tragen Senioren mit dem Verzicht auf das Auto aus Altersgründen ihre Mobilität zu Grabe. Diesen Zeitpunkt so lange wie möglich hinauszuschieben ist mehr als verständlich.
Neben den offensichtlichen Einschränkungen durch schlechtere Sehkraft und nachlassende Reflexe besteht bei mobilen Senioren ein Problem durch hohen Arzneimittelgebrauch und die damit einhergehenden Nebenwirkungen. 60 Prozent aller Arzneimittel werden an die Generation 60+ verkauft. Allerdings stellen einige Medikamente die Fahrtüchtigkeit erst her. Diabetes-, Bluthochdruck- oder Epilepsiepatienten wären ohne Medikamente zur Immobilität verdammt. Ein steigendes Unfallrisiko gibt es immer dann, wenn mehrere Krankheiten zusammen kommen. Über 20 Prozent der 50- bis 59jährigen hatten schon einen Herzinfarkt. Bei den über 60jährigen sind es schon knapp 60 Prozent und jenseits der 70 trifft es über 90 Prozent der Befragten. Gesellt sich dann noch Bluthochdruck oder eine andere Erkrankung hinzu, schnellt das Unfallrisiko in die Höhe. Aber viele Senioren sind äußerst selbstkritisch und nehmen dann auch nicht mehr am Verkehr teil, wenn sie sich nicht mehr fit genug fühlen.
Aber während sich die Senioren ihrer körperlichen Einschränkungen wohl bewusst sind, verdrängen sie auf psychischer Seite abnehmende Wahrnehmungsfähigkeit, Informationsverarbeitung und Reaktionsgeschwindigkeit. Die Psychologin Dr. Katharina Dahmen-Zimmer von der Universität Regensburg hat dazu umfangreiche Testreihen durchgeführt: "Geschwindigkeiten und Entfernungen werden mit zunehmendem Alter schlechter eingeschätzt. Auch ein Nachlassen der peripheren Wahrnehmung und höhere Blendempfindlichkeit sind feststellbar. Zusammen mit einem nachlassenden Hörvermögen und einer verlangsamten Informationsverarbeitung sind komplexe Verkehrssituationen nur noch schwer zu bewältigen", stellt die fest. So kommt es mit zunehmendem Alter zu einem "Tunneleffekt" bei starker Belastung: Das Sehfeld wird eingeschränkt, der Fahrer konzentriert sich nur noch auf das Wichtigste und nimmt die weitere Umgebung nur noch schlecht wahr. Allerdings gelingt es vielen Senioren die natürlichen Alterungsprozesse und ihre Auswirkungen für die Teilnahme am Straßenverkehr durch Erfahrungen zu kompensieren und die Defizite auszugleichen.
Dr. Dahmen-Zimmer plädiert daher für seniorengerechte Straßen. Breite Fahrstreifen mit guter optischer Führung, Vergrößerung des Kurvenradius und Verlängerung der Einfädelungsstreifen wären Maßnahmen, die nicht nur älteren Verkehrsteilnehmern sondern auch Fahranfängern helfen würden. Eine gute Ausleuchtung der Straßen gerade in Städten und große, nur unbedingt notwendige und gut lesbare Schilder würden die Orientierung erleichtern. Aus diesem Grund plädiert die Psychologin für Wechselverkehrszeichen, die nur aktuelle und notwendige Informationen darstellen. Auch durch die verstärkte Einführung von Kreisverkehr statt Kreuzung verringert sich das Unfallaufkommen: An einer Kreuzung ohne Ampel existieren 32 denkbare Konfliktpunkte, während es in einem Kreisverkehr nur acht sind. Auf Landstraßen und Autobahnen sollten außerdem flächendeckend geriffelte Fahrbahnmarkierungen, so genannte "Rumble Stripes" aufgebracht werden. Überfährt ein Reifen die seitliche wellige Fahrbahnmarkierung, wacht nicht nur der Senior sondern auch der übermüdete Lastwagenfahrer aus seinem Sekundenschlaf auf. Eine solche fehlerverzeihende Maßnahme kann für relativ wenig Geld unzählige Menschenleben retten.
Diese Maßnahmen scheitern häufig an den mangelnden finanziellen Mittel. Daher soll das Automobil künftig selbst dem älteren Fahrer Aufgaben abnehmen und Unfälle vermeiden helfen. Professor Dr. Henning Wallentowitz vom Institut für Kraftfahrwesen der RWTH Aachen setzt auf die Fahrzeugelektronik als elektronischen Beifahrer und Ratgeber. Bei Befragung von Senioren hat sein Institut festgestellt, dass ihnen die Sicherheit ganz wichtig ist. An zweiter Stelle folgt die gute Sichtbarkeit, wobei die eigen Fahrzeugabmessungen, Front, Heck und Seiten überschaubar sein sollten. Hohe Kontraste zwischen Instrumenten und Hintergrund, groß dimensionierte Spiegel und ein bequemer Ein- und Ausstieg sind für viele ältere Autofahrer ein Kauf- und Sicherheitskriterium.
Viel mehr Bedeutung als den reinen baulichen Anpassungen misst Wallentowitz aber den künftigen elektronischen Helferlein bei. In gut 30 Jahren wird der Altersdurchschnitt in Deutschland bei 51 Jahren liegt. Heute haben wir einen Mittelwert von 39 Jahren. Ein Problem, dem sich auch die Automobilhersteller nicht verschließen können. Die Autofahrer werden immer älter und stellen andere Ansprüche an ihr Fahrzeug. Das Automobil wird "Augen" bekommen und seine Umgebung wahrnehmen können. Infrarotkameras, Laser, Videotechnik, Radar sowie GPS-Sender und Empfänger mit punktgenauer Navigation werden in zehn Jahren so selbstverständlich im Auto verbaut wie heute Sicherheitsgurte und ABS. Außerdem wird ein Querführungsassistent den einschlafenden Fahrer vor dem Verlassen der Fahrspur warnen.
Besondere Bedeutung kommt der Unfallvermeidung im Kreuzungsbereich zu. 30 Prozent aller Unfälle mit Personenschäden ereignen sich dort. Unübersichtliche Kreuzungen, unklare Vorfahrtregelungen, plötzlich auftauchende Radfahrer oder Passanten stellen für den Fahrer eine enorme kognitive Belastung dar. Hier soll der Kreuzungsassistent in Zukunft helfen. Video- und Infrarotkameras detektieren die Fahrzeugumgebung und sind sogar in der Lage, Radfahrer, Bäume, Verkehrsschilder oder Passanten voneinander zu unterschieden. Außerdem können sie den querenden Verkehr an Rechts-vor-Links-Kreuzungen beobachten und warnen den unaufmerksamen Fahrer vor plötzlich querenden Radfahrern, dem Gegenverkehr beim Linksabbiegen oder einem Stoppschild. Notfalls leiten die Systeme sogar eine Notbremsung ein oder hindern den Fahrer daran, in eine Seitenstraße abzubiegen, wenn dort gerade in Fußgänger die Straße kreuzt. Für den Komfort sorgt künftig eine elektronische Lenkung, die als Einparkhilfe fungiert und eine elektromechanische Bremse mit Abstandsradar dient als Unterstützung bei der Notbremsung und fährt das Fahrzeug im Stop and Go vollautomatisch. Nachts unterstützt ein Nachtsichtgerät den Fahrer bei der Wahrnehmung seiner Fahrzeugumgebung.
Doch bei aller Hilfestellung durch die Elektronik ist der entscheidende Hemmschuh für die Mobilität im Alter die zwischenmenschliche Ebene. Prof. Dr. Heinz Jürgen Kaiser vom Institut für Psychogerontologie der Universität Erlangen-Nürnberg hat die Senioren zu ihrer Wahrnehmung der mobilen Gesellschaft befragt. Danach sehen 85 Prozent im Alter zwischen 65 und 74 keine großen Probleme der eigenen Mobilität. Erst jenseits der 75 wird es schwierig. Rund 75 Prozent der Befragten bemängelt die Rücksichtslosigkeit andere Verkehrsteilnehmer. Senioren wünschen sich Sicherheit, Unterstützung und Kontrollierbarkeit im Verkehr. Dabei kritisieren sie vor allem die öffentlichen Verkehrsmittel mit schlecht lesbaren Fahrplänen, bedienerunfreundlichen Fahrkartenautomaten und schlecht ausgebildetem Personal. In diesem Umfeld ist für viele Senioren das eigene Auto ein Schutz vor einer verwahrlosten Umgebung und damit die oft einzige Möglichkeit, im Alter mobil zu bleiben. Eine Trutzburg, die es ihnen ermöglicht, mit der Außenwelt in Kontakt und mobil zu bleiben.
Auch wir werden einmal Rentner sein und dann wird es uns nicht anders gehen. Bei aller technologischen Unterstützung sind es doch immer die Menschen die hinter dem Lenkrad sitzen. Alle Verkehrsteilnehmer aller Altersklassen sollten häufiger und freundlicher miteinander kommunizieren und damit den Straßenverkehr weniger aggressiv und sicherer für Verkehrsteilnehmer aller Altersklassen gestalten. (ar/mj/RPB) |