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Wednesday, 29. June 2011
Wolfram Riedel. Foto: ar.NET
Wolfram Riedel. Foto: ar.NET
 
Wenn man doch alles vorher wüsste! Hilfreich wär's! Denn kommt nach dem Versinken in einem Jammertal überraschend eine Wende zum Besseren, haben wir womöglich die Flinte schon ins Korn geworfen.

Wenn man doch alles vorher wüsste! Hilfreich wär's! Denn kommt nach dem Versinken in einem Jammertal überraschend eine Wende zum Besseren, haben wir womöglich die Flinte schon ins Korn geworfen. Es ist noch nicht lange her, dass selbst im deutschen Autoland kaum noch ein Geschäft mit Neuwagen zu machen war. Zur Linderung der misslichen Situation wurde die Abwrackprämie erfunden. Sie ließ zu Tausenden auch Pkws im Shredder enden, ohne dass sie verschlissen waren. Nach Auslaufen der Abwrackprämie blieben die Aussichten trüb. Gedrückte Stimmung lag über der gesamten Autofront. Es schien, als seien die Zeiten einfach vorbei, in denen sich Automobilhersteller nicht um den Absatz ihrer Ware zu sorgen brauchten. Doch alles kam anders, ganz anders und überraschend schnell. Schon bald meldeten Automobilhersteller wundersame, geradezu unglaubliche Absatzrekorde. Egal, ob Chevrolet, BMW, Renault, Toyota, VW oder Audi - unerwarteter Aufwind erfasste offensichtlich die gesamte Branche. Merke: So schnell kann es also auch wieder aufwärts gehen! Nichts aber ist in der internationalen Autobranche noch so, wie es lange Zeit war. Marken haben ihre Besitzer gewechselt, und zunehmend macht sich neue Konkurrenz bemerkbar. Chinesische und indische Automobilhersteller wollen sich am Automobilgeschäft beteiligt sehen. Danach handelt vor allem Geely, eine Art chinesisches Vorzeigeunternehmen. Schon 2012 will Geely zwei Millionen Fahrzeuge bauen und davon 300.000 Einheiten exportieren! Noch schenken traditionell etablierte Automarken präsentierten Pkw-Kreationen à la Geely & Co ein Lächeln. Auch der billige Kleinwagen des indischen Großkonzerns Tata wird nicht als Bedrohung wahrgenommen. Doch nationaler Ehrgeiz und erworbenes Know-how in Sachen Automobilbau, nicht zuletzt unter indirekter Anleitung von Joint-Venture-Partnern, werden die Zeit des Lernens in China und Indien weiter verkürzen. Um Autos dreht sich durchaus nicht alles. Jede Beteiligung an großen Unternehmen oder namhaften Marken, erst recht aber deren hundertprozentiger Erwerb lässt das Selbstbewusstsein der Chinesen wachsen. Dass sie auf ihrer weltweiten Einkaufstour vor allem Rohstoffe - Eisenerz, Kupfer, Aluminium, russisches und afrikanisches Erdöl und mehr - auf der Liste haben, spricht angesichts knapper werdender Ressourcen für strategisches Denken. Wer wird die letzten Vorräte verwalten Für Zukäufe bei Rohstoff-Lieferanten gab China schon 2008 rund 18 Milliarden US-Dollar aus. Heute dürfte der Jahresetat für bevorratende Zugriffe kaum geringer sein. China, diese so eigenartige Volksrepublik, wähnt sich auf bestem Weg zu einem global agierender Wirtschaftsgiganten. Um dort anzukommen, reicht allerdings weder ein Beschluss des Politbüros der KPCh noch eine einmütig-brave Zustimmung der "handverlesenen" 3.000 Delegierten des Volkskongresses. Doch die Regie-führende Pekinger Zentralregierung, deren Weisungshoheit, kann anstehende Entscheidungen in der Wirtschaft erheblich beschleunigen, ungewollte Entwicklungen - etwa Vorhaben ausländischer Investoren - jäh bremsen, ehrgeizige nationale Einzelprojekte hingegen rasch vorantreiben. Wer letztlich das Sagen hat, dafür liefert das Geschehen im Reich der Mitte immer wieder ernüchternden Anschauungsunterricht. Investoren, die länger vor Ort sind, dürften die einschlägigen Spielregeln der Regierung in Peking kennen. Wohin führt der geradezu spektakuläre wirtschaftliche Aufbruch Chinas - "Spiegel online" mutmaßte, auch Chinas Wachstum, das zu sehr auf Investitionen basiere, "auf den Bau neuer Fabriken, neuer Straßen, neuer Flughäfen, neuer Appartementblocks", sei letztlich endlich. Irgendwann werde es selbst in China "ausreichend Straßen, Kanäle und Flughäfen geben". Bezogen auf einzelne Regionen, in denen quasi über Nacht eine moderne Infrastruktur aus dem Boden gestampft wurde, mag solche Prognose zutreffen. Aber China ist unvorstellbar groß, und nicht weniger als 1,3 Milliarden Menschen warten darauf, dass es ihnen zunehmend besser geht, ganz gleich, in welcher Region Chinas sie wohnen. Es wird sehr lange dauern, ehe spürbarer Wohlstand das ganze Land erfasst. . Niemand aber weiß, ob jene Chinesen, an denen das Wirtschaftswunder noch länger vorbeigehen wird, Geduld aufbringen und stillhalten werden, bis sich auch ihre Lage bessert. Der Aufbruch in Nordafrika hat gezeigt, wie schnell und überraschend sich Situationen ändern können. Potenzial zur Meuterei steckt in den schlecht bezahlten chinesischen Wanderarbeitern, aber auch in der anhaltenden Bevormundung des chinesischen Volkes, im Beschneiden persönlicher Freiheiten durch die Ideologen der allgegenwärtigen Partei, die 80 Millionen Mitglieder hat. Entwicklungen in Wirtschaft und Politik werfen immer auch Fragen auf: Was kommt nach dem Wirtschaftsboom in China - Wie geht es in Afghanistan weiter, wenn das Gros des ausländischen Militärs das Land verlassen hat - Auch ein speziell deutsches Fragezeichen kann gesetzt werden: Bleibt die favorisierte Elektromobilität eines Tages womöglich aus Strommangel auf der Strecke Wie überzeugend ist, was beim so entschlossen in Angriff genommenen E-Konzept herauskommt - Ende offen. Beurteilen kann letztlich auch niemand, ob die Orientierung deutscher Automobilhersteller wirklich weise ist, vor allem im chinesischen und indischen Binnenmarkt auf lange Sicht eine Absatzgarantie für ihre Fahrzeuge zu sehen. Strategien haben zwangsläufig ein Verfallsdatum, weil die Karten im großen internationalen Spiel immer neu gemischt werden. Dass es noch manche Überraschung geben wird, ist sicher. (ar.NET/Wolfram Riedel)
 
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