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Kommentar:"Wo WIR sind, ist vorn ..."
Thursday, 8. September 2011
Wolfram Riedel. Foto: ar.NET
Wolfram Riedel. Foto: ar.NET
 
Sind wir hinten, ist eben hinten vorn. So machte sich einst das Volk in der DDR über den Führungsanspruch der SED lustig. Das ist mittlerweile lange her, aber nicht vergessen.

Sind wir hinten, ist eben hinten vorn. So machte sich einst das Volk in der DDR über den Führungsanspruch der SED lustig. Das ist mittlerweile lange her, aber nicht vergessen. Gut so. Denn die Erinnerung an das, was "typisch DDR" war, lässt peinliche Ähnlichkeiten, die in der neuen, größer gewordenen Bundesrepublik Deutschland zu beobachten sind, rascher aufs Korn nehmen. Beispiel Planwirtschaft. Feststeht doch, dass der künftige Berliner Großflughafen Berlin-Brandenburg International (BBI), vorab schon getauft auf den Namen "Willi Brandt", längst fertig gebaut und in Betrieb wäre, wenn sich in die unendliche, zwölf lange Jahre währende Standortdebatte - Schönefeld oder Sperenberg - rechtzeitig jemand mit empfundenem Führungsanspruch eingemischt und in grundsätzlich Fragen einfach entschieden hätte. Demokratie kann auch lähmen, wie uns der anhaltende Trouble um "Stuttgart 21" oder die "Berliner Flugrouten" vor Augen führt. Niemand will Diktatur. Zwischen ihr und dem Chaos sollten sich jedoch geordnete Verhältnisse entwickeln können, in denen Weitsicht und Vernunft den Ton angeben. Die aber werden regelmäßig von rein ideologischen Vorbehalten verdrängt. Oft mit verheerenden Folgen: Ab Inbetriebnahme des Großflughafens BBI ist auf der Berliner Stadtautobahn und auf Teilstücken des Berliner Autobahnrings A 10 nervender alltäglicher Dauerstau vorprogrammiert. Denn die Verlängerung der Stadtautobahn A 100, die eine Entlastung brächte, muss seit Jahren lediglich als Thema für ideologischen Schlagabtausch herhalten; vorzugsweise in Talkshows. Aus den Diskussionsbeiträgen der wenigen Auserwählten, die in solchen meist langweiligen Laberrunden ungestört zu Wort kommen, ist öfter herauszuhören, was eigentlich gelten soll: "Wo WIR sind ist vorn!" Wer sind die Überzeugten, die sich "vorn" wähnen - Das ist schlecht auszumachen, beteiligen sich am Ehrgeiz, schwelende Probleme vor der Kamera einfach zu zerreden, in Rede und Gegenrede ja mehrere. Zu erwarten sind von vornherein eigentlich nur öffentlich zur Schau gestellte Artigkeit und Langweile. Den baldigen "Kollaps der Stadtautobahn" befürchtet nicht allein der ADAC. Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die sich für die Problematik vorrangig interessieren müsste, konzentriert sich lieber auf ein neues verkehrsorganisatorisches Konzept, auf innerstädtische "Begegnungszonen", in denen Fußgänger auf der Fahrbahn Vorrang vor Fahrzeugen haben sollen. Motorisches Bewegungslimit: Tempo 20. Offenbar ist Stillstand das ersehnte Endziel. Am 3. Juni 2012 geht Deutschlands neuer Großflughafen BBI endlich in Betrieb, wenn der Zeitplan funktioniert. Doch die schnellste Bahnverbindung von der Berliner Innenstadt, die den Wiederaufbau der sogenannten Dresdner Bahn im Süden der Metropole voraussetzt, kommt frühestens 2020 zustande. Laut "Berliner Zeitung" gibt es heute, 14 (!) Jahre nach Beginn des Planfeststellungsverfahrens, noch immer für kein einziges Teilstück der erforderlichen Neubaustrecke einen "Planfeststellungsbeschluss" vom Eisenbahnbundesamt. Es heißt, mit den Hauptbauleistungen könne wohl nicht vor Ende 2014 begonnen werden. Eine Sprecherin der Bahn sagte der Zeitung, immerhin führten zum neuen Airport und zurück zwei Intercity-Express- und Intercity-Züge, obendrein ein Eurocity nach Polen. Das ist doch schon mal was! Man hat den Eindruck, als komme der Großflughafen Berlin-Brandenburg International als gänzlich unvorhergesehenes Ereignis über die deutsche Hauptstadt, mit dem sie einfach schlecht und recht fertig werden muss. Kein Zweifel: Selbst wenn lediglich mit einer abgeschwächten Dosis Wende-Elan, frei jedoch von ideologischen und bürokratischen Bremsmanövern, die Zeit kosten, ans Projekt BBI gegangen worden wäre, würden Flugzeuge am BBI bereits seit etlichen Jahren starten und landen. Und die A 100 wäre mittlerweile verlängert. Die Realität sieht anders aus. Wem soll man dazu eigentlich gratulieren (ar.NET/Wolfram Riedel)
 
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